September 1963, SS Tasman, Golf von Thailand vor Kas Kang
Er läuft schneller und schneller. Raus aus dieser Stadt. Er rennt vorbei an den schreienden Menschen, Leichen und Verletzte liegen rum, Flüchtlinge verstopfen die Strassen, Karren mit Hab und Gut, ein aufgerissner brennender Ameisenhaufen. Er sieht das nicht, er will raus, seine Uniform stinkt nach Kot, Schwefel, Blut und Schweiß, tagelang hat er gekämpft. Einschläge, Granaten explodieren, die japanische Artillerie feuert in die Stadt. Er hört ihr Gewehrfeuer näher kommen. Die Guomindang Soldaten versuchen ihre Uniform loszuwerden, sie wollen wieder Bauern werden, aber plündern und verkleiden gehen nicht schnell genug. Er stolpert über einen Toten und liegt fast auf seinen Gesicht, er riecht nur Eisen. Er will sich aufrichten, dreht sich um, über ihn ein japanischer Soldat der schreiend ein Bajonet in ihn hineinstößt.
Pang schreit laut auf und Augen weit geöffnet. Nur ein Ventilator an der Decke, der sich langsam dreht und Fliegen die sich jagen. Der Alptraum von Nanjing, immer wieder, seine Hand wandert zu seiner Narbe unten am Bauch, eine Narbe wie ein Gebirge zerteilt seinen Körper. Guter Norman Bethune flickte immer wieder Menschen zusammen, egal wie, zur Not mit Draht. Jetzt hatte er einen Nordpol und Südpol und hatte trotzdem kein Gleichgewicht .Er sitzt in seiner Koje, er teilt sich die mit Cheng dem Mechaniker vierter Klasse. Tief im Bauch neben dem Maschinenraum teilen sich 18 Drachensöhne fünf Kojen. Er starrt auf das Mahjong Spiel, die Steine liegen verstreut, keine Mauer hält das Meer auf. Vor bei an dem holländischen Ingenieur, der ihn beschimpft, Pang würde gerne sich gerne beschimpfen lassen, aber er versteht nichts, er will es auch nicht, es reicht ihn, wenn er Ihre Bewegungen und Mimiken versteht.
Er geht an Deck und hat eine Blecheimer in der Hand. Er geht in die Hocke wirft lauter Himmelsgeld in die Tonne, er zündet es an, er wirft lauter Himmelsgeld in Tonne. Manche Scheine fliegen brennend hoch und erlischen in der See. Cheng kommt dazu, guter alter Cheng die Märsche durch die Mandschurei er folgt ihm seitdem wie eine alter Hund. Cheng fragt warum er das mache und warum er die Toten ehrt. Pang schaut ihn an, die Sonnen blendet, er sagt, er ehrt sein altes Leben, das sei von nun an Tod, er will in Hamburg von Bord gehen. Cheng weint, denn er weiß, im neuen Leben gibt es keine Mandschurei mehr.
Siam Rep, Kambodscha, April 2003
Sieben Tage Kambodscha fotografiert , eine Reportage, vom Auge in den Kopf, einen alten Mann, mit dünner brauner Haut, wie mein Vater, als er alt war, die Gerüche wie in der Speiskammer im unseren alten Chinarestaurant, Männer die in sehr hohen Oktaven lachen, der Duft von Räucherstäbchen, lange war ich nicht mehr so tief in Asien. Bewegungen, Gestik, Mimik, dazu die Hitze, immer mehr alte Bilder in meinen Kopf kommen wieder und vermischen sich mit meinen neuen Bildern. Ich sehe mich selbst im Sucher. Praschl sagte, das wir noch nicht wissen werden, was diese Reise aus uns machen wird, sondern erst später.
Ich habe versucht die sieben Tage zu verdoppeln, wenn Praschl schlafen ging, schlich ich mich aus dem Hotel auf der suche nach meinen Erinnerungen. Meine letzte Nacht. Mir ist heiß, die Klimaanlage schafft das Zimmer nur auf 24 Grad abzukühlen. Ich muss nochmal raus. Morgen werde ich wieder Hundmüde sein. Ich gehe runter in die Lobby, eine Mächtige Lobby aus Mahagoni und Teakholz, der deutsche Gutmensch würde bei diesem Anblick aus Protest eine Lichterkette veranstalten. Das Personal döst, an der Bar läuft indisches MTV, Elefanten tanzen um eine nackte Frau und ein aufgeregter Sikh tanzt dazu. Ich schau rauf zur großen Buddhastatue, die an der Tür steht, er schaut streng, seine Augen deuten auf den Ausgang. Draußen erschrecke ich den Portier und er will salutieren, er merkt, das die neue Uniform ein Lächeln verlangt und mit seiner neuen Sprache Englisch fragt er mich, ob ich ein Tuktuk brauche. Warum nicht, ich kann morgen im Flieger pennen. Ich sage dem Fahrer, er soll mich irgendwo hinfahren, wo noch was los ist. Ich schwing mich in meine Karre, die Honda knattert beruhigend und der Fahrtwind kühlt, noch einmal will ich in meinen Genpool tauchen, vielleicht werde ich ersaufen, aber ich schlafe ein. Im Traum stehen ich auf Eis mit Praschl wir beide schwitzen, um uns herum hocken lauter Khmerkinder und gackern, denn wir sind nackte Elefanten, die sich wie irre drehen, mein Vater ist der Dompteur und will uns in eine Hütte treiben. Plötzlich spüre ich eine Hand und erschrecke, es ist der Fahrer, der mich weckt, seine Goldzähne sind stumpf und grinsen. Ich bin aufgetaucht vor einer Bar die Pink Lychee heißt, der Eingang zum Garten wird von zwei Löwen bewacht. Hier sitzen nur männliche Gäste, junge Frauen auf ihren Schoß, manche spielen Karten und andere zerpflücken einen Karpfen flink mit ihren Stäbchen, dabei füttern sie ab und zu die Frauen, die Beergirls sie kichern und massieren die Nacken der Männer. Ich schnappe Wortfetzen in chinesisch auf, Urenkel von Schmugglern, Piraten und Händlern. Ich setze mich in einen Sessel und bestelle Bier. Ich schaue mir die Gesichter genau an, vielleicht kenne ich jemanden. Zwei Besoffene üben sich an der Karaokeanlage und beginnen etwas von Celine Dion zu kreischen. Ich bin glücklich, die Lampions wiegen sich im Wind, es duftet nach Yasmin und die Discokugeln drehen sich wie Sputniks unter dem klaren Himmel. Hier sitzen wir, ein jeder in seinem Plan verloren und froh darüber das Gedachte zu vergessen . Mein Lächeln wird breit, so breit, das sich eine junge Frau angesprochen fühlt. In ihrem hochgeschlitzen gelben Seidenkleid setzt sie sich zu mir, ich betrachte ihre kleine Brust die mit glitzerten Kirschblüten zugestickt ist, darüber baumelt ein Tropfen aus Jade. Sie fragt mich, ob ich aus Singapur bin. Komisch hier fragen mich viele Leute ob ich aus Singapur komme, die Idee gefällt mir. Ihr Name ist Lyn und sie ist die Besitzerin von dem Laden, Lyns Haare sind zu einen Bob geschnitten, sehr genau und sehr mathematisch, immer wenn sie ein Lichtreflex trifft, schimmert ihr Haar schwarzblau. Ich erzähle ihr von meiner Arbeit. Wir beide stellen fest das unsere Väter Chinesen sind, beide waren Seeleute, ihr Vater ist irgendwann Kambodscha hängen geblieben und mein Vater in Hamburg. Wir beide lachen, begeistert hüpft der Jadetropfen auf ihrem Busen dazu. Ein kleiner Mann singt jetzt irgendwas von Brian Adams und die Musikboxen wehren sich dagegen. Lyn und ich hören schweigend zu. Ich trinke aus und will gehen. Sie nimmt meine Hand und geht mit mir an die Bar und wühlt in einer Schüssel mit Krimskrams, kleine Autos, Kugelschreiber, Murmeln, Plastikindianer, einen FC. St Pauli Anhänger, Streichhölzer, Münzen aus verschieden Ländern, eine Sammlung vergessener Andenken. Stolz wie eine Anglerin hält sie mir einen goldenen Plastikdrachen vor die Nase was für ein Fang. Sie schenkt ihn mir er soll mir Glück bringen. Schweigen verabschieden wir uns. Mein Tuktukfahrer schmeißt die Honda an und die Chinesen singen jetzt New York, New York. Big Apple ist weit. Im Hotel stehe ich sehr verloren und einsam da, für einen Moment möchte ich weinen, es gibt Tage da begreifst du deine Träume, wie ein Regenschauer, plötzlich, heftig und unerwartet bist du nass und bist zufrieden. Ich hole aus meiner Hosentasche den kleinen Drachen raus und schaue rauf zu Buddha in der Lobby. Buddha lächelt.
nach den erläuterungen bei mir zu hause...
hier ist es schön und ich verweile gern, lese zweimal, dreimal was hier geschrieben ist und bekomme nicht genug. so ist das.