Wie ein Chinese schläft



Reisfresser und Schlitzauge, Beschimpfungen vom Schulhof und Spielplatz ließen keinen Zweifel damals ich war anders. Ein Chinese. Ich mußte deshalb mal zum Arzt, denn bei einer schulärtzlichen Untersuchung in der ersten Klasse, stellte der Arzt fest, das ich schiele. Also ging ich zum Augenarzt, der stellte fest, das ich aufgrund meiner rassischen Merkmale Mongolenfalten besitze, halt Schlitzaugen.
Meine Mutter lebte getrennt von meinem Vater weit weg von Hamburg in Duisburg und hatte ihn früh verlassen und ich konnte mich nicht mehr an ihn erinnern. Eines Nachmittags war ich mitten in einer Schlacht auf dem Teppichboden, ich hatte gerade hunderte von Plastiksoldaten aufgestellt, da klingelte es an unser Tür. Ich öffnete die Tür und da stand ein Fremder. Ein Chinese.
Er trug einen langen blauen Lodenmantel, einen Smoking, einen blauen Rolli und eine blaue Prinz Heinrich Mütze. Dieser alte Mann nahm seine Zigarre aus dem Mund beugte sich runter, kniff mir in die Wange, lachte und sagte "Kung Shingaaaaaa". Anscheinend war ich damit mit Kung Shingaaaaaaa gemeint. Meine Mutter und meine beiden Schwestern kamen an die Tür gerannt. Meine Mutter war merkwürdig aufgeregt, da stand nun mein Vater nach fast zehn Jahren vor ihrer Tür. Er setzte sich und freute sich. Er redete mit meiner Mutter in einer Sprache die ich vorher nie gehört hatte, sie hatten ihre eine eigene Sprache, ein Kauderwelsch aus Deutsch, Chinesisch und Englisch. Mein Vater war zufällig in der Stadt und wollte jetzt mit mir den Nachmittag verbringen. Ich zog mich an und stopfte mir noch ein paar Plastiksoldaten in die Hose, so als Schutz.
Auf der Strasse winke mein Vater ein Taxi ran und wir fuhren in ein Chinarestaurant dort wurde ich dann allen vorgestellt oder vorgeführt, alle kniffen mir in die Wangen und lächelten, ich sei also der Kung Shingaaaaa. Mein Vater ging in die Küche, wo er den Köchen etwas zeigte, was mächtig Flammen machte. Die Köche waren begeistert und klatschten. Er beschloss an diesem Nachmittag für die Belegschaft und zur Feier des Tages zu kochen. Die Chinesen deckten schnattern den Tisch und steckten mir kleine rote Umschläge mit Geld zu. Ich trank Fanta und war verwirrt und neugierig zugleich. Es gab merkwürdiges Essen Entenfüße, kleine bunte frittierte Fische, ganze Hühner mit Kopf in scharfen Soßen, Nudel mit allen verschiedenen Füllungen und Obst was stank. Ich mochte davon nichts und aß nur Reis mit Sojasoße. Nachdem Essen erklärte mir einer der Kellner mit einer hohen Stimme, das man jetzt einen Mittagschlaf machen würde und mein Vater hinterher mit mir einkaufen geht. Die Chinesen verteilten sich im Restaurant, einer legte sich hinter dem Tresen, ein anderer legte sich auf eine Bank und andere wiederum hockten sich dösend hin. Aber mein Vater machte einen Schneidersitz zündete sich eine Zigarette an, trank ein wenig Hennesy und schaute mich an. Es war still. Nach einer Weile verschränkte er seine Arme, so als wollte er sich selber halten, dann nickte sein Kopf nach unten und er schlief ganz fest.
Jahre später besuchte ich ihn regelmäßig in seiner Wohnung auf St.Pauli und wenn er mir nicht öffnete, wußte ich, dass er schlief. Dann öffnete ich seine Haustür, aus dem Cassettenrecorder dudelten Hong Kong Schlager, in der Küche blubberte ein großer Suppentopf und mein Vater saß im Schneidersitz auf dem Bett, das aus mehreren Matratzen bestand und schlief, dann wurde er wach, lächelte mich an und sagte Kung Shingaaaaaaaaaa.
---
kungshing, 23. Mai 2004, 19:53
Ihr kommentar    


am 23. Mai, 21:42  kommentierte mutant

grosse

geschichte, danke!
link


Auch shit on a paddle hat schon gerockt.
link  


am 23. Mai, 22:22  kommentierte meisterkoechin

Danke sehr.
link


am 25. Mai, 16:02  kommentierte boomerang

ha cinemascope ...

... im kopf erzeugt.
großer film!
link